Die Jekkes kommen!

Hurra! Die Jekkes kommen.

25. Jahre Jüdische Woche Dresden

Deutschland feiert. 1700 Jahre Judentum steht auf der Grußkarte. Im offiziellen Jubiläumsdiktum heißt es, „dass 321 zum ersten Mal jüdisches Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands nachgewiesen wurde“. Was zunächst nach erfolgreicher Marsexpedition klingt, entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einer spektakulären gegenseitigen Bereicherung. Die Jüdinnen und Juden von damals sind Teil der gelebten „deutschen“ Kulturgeschichte: Auf der Bühne und in Hörsälen, auf Sportplätzen und Buchtiteln, in der Populärmusik, in Kunstzirkeln, der Politik und Wirtschaft oder im Film… Albert Einstein, Else Lasker-Schüler, Sigmund Freud, Rosa Luxemburg, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Karl Marx, Kurt Tucholsky oder Hedy Lamarr. Alles große Namen (und die vielen kleineren), ohne die es das Deutsche, wie wir es heute kennen, gar nicht gäbe.

Schwerpunkt Jekkes-Kultur

Meist liegt in der Differenz auch Gemeinsamkeit. Als Jekkes („die mit den Jacken“) wurden im Jiddischen diejenigen Juden bezeichnet, die sich kulturell stark mit der deutschen Kultur identifizierten. Ihre Jacke wurde zum Sinnbild einer stereotypen Überkompensation: Pünktlichkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit. Was als Schimpfwort begann, wurde zum Stolz der deutschen Juden, die es bald als Selbstbezeichnung übernahmen. Der kulturelle Beitrag der Jekkes ist aber gar nicht hoch genug zu bewerten. Er reicht von der Zeit der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert bis zur florierenden internationalen jüdischen Kulturszene im heutigen Deutschland. Unser Festival wird deshalb die Jekkes-Kultur als Gegenströmung präsentieren, als die jüdisch-deutsche Salonkultur des 18. bis 20. Jahrhunderts, als die Avantgarde- und Queerbewegung zwischen den beiden Weltkriegen, sowie ihren Anteil an der internationalen jüdischen Kulturrevolution des 21. Jahrhunderts und ihren Einfluss auf die israelische Gesellschaft zeigen.

Frank London wird artist in residence

Grammy-Gewinner Frank London – bekannt unter anderem von den Klezmatics – wird in diesem Jahr als artist in residence zentraler Künstler der Jüdischen Woche sein und in mehreren Solo- und Kooperationsprojekten auf und neben der Bühne stehen. In dem Bemühen, unser Festival so nachhaltig wie möglich zu gestalten, wird er seine Zeit in Dresden maximal ausnutzen – unter anderem in einem Projekt mit der Dresdner Banda Internationale, beim Unterricht im sozialen Musikprojekt Musaik e.V. für sozial unterprivilegierte Kinder und bei drei Auftritten während des Festivals.

Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart

Jüdische Woche als Gast im Societaetstheater: Am Wochenende vom 1. bis 3. Oktober zeigen wir gemeinsam mit unserem langjährigen Kooperationspartner, dem Societaetstheater, die jüdischdeutsche Kultur in allen Farben, Tönen und Geschmacksrichtungen: Es wird Musik-, Theater-, Tanz- und Multimedia-Darbietungen von Weltklasse-Künstlern geben. Außerdem Vorträge, wandernde Klezmorim, Aktivitäten für Kinder und eine Ausstellung des „Schwulen Museums Berlin“. Auch das angrenzende Café „Art de Vie“ ist mit einem Klezmer-Brunch und jüdischen Köstlichkeiten à la carte einbezogen. Finanziert wird das Wochenende mit einem Zuschuss aus dem Jubiläumsfonds „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Unsere Künstler:innen repräsentieren in diesem Jubiläumsjahr die aktuelle crème-de-la-crème jüdischer Kulturschaffender. Sie kommen aus den USA (Frank London, Lorin Sklamberg, Alan Bern, Daniel Kahn), Israel (Shiran Eliasorov, Michal Ben Lior, Shai Bachar, Reut Shemesh, Ariel Nil-Levy, Oren Lazovski, Tomer Maschkowski) und Deutschland (Fabian Schnedler, Jalda Rebling). Die Mehrheit sind spannenderweise Ausländer, die hier ihre Heimat gefunden haben und in vielerlei Hinsicht für die Renaissance der jüdischen Kultur in der Bundesrepublik verantwortlich sind.

Dresden ist Teil der internationalen „Yiddishland“-Karte

Zu den Dresdner Vertretern gehört beispielsweise der Gitarrist Max Loeb Garcia, Enkel eines jüdischen Flüchtlings aus Mannheim, der mit dem syrischen Oud-Spieler Thabet Azzawi (u.a. Banda Internationale) musikalische Geschichten aufführt – darunter „Jonah und der Wal“ sowie Fabeln aus „Kalila wa-Dimna“.

Ein besonderes Augenmerk legen wir in diesem Festivaljahr auf Werke, die ihre Inspiration aus Schlüsselmomenten der jüdischdeutschen Geschichte ziehen. Dazu zählt beispielsweise Frank Londons „Ich bin eine Hexe“ – inspiriert vom Leben der 1986 verstorbenen Tänzerin, Schauspielerin und Pantomimin Valeska Gert. Dazu gehört auch der gerettete musikalische Schatz des Semer-Musiklabels, welches in den 1930er Jahren jiddische Volkslieder, Theatermusik, Kabarettlieder und von jüdischen Künstlern gesungene Schlager der Zeit auf Schallplatte konservierte. Bei uns wird das hundert Jahre alte Repertoire vom Semer Ensemble unter Leitung von Alan Bern aufgeführt.

Vernetzen, Erkunden, Erreichen

Wir freuen uns auf zahlreiche weitere Festivalaktivitäten wie Filme, das Food-Festival Gefilte Fest, den Besonderen Schabbat, den Offenen Gottesdienst in der Synagoge, den Mischpoke-Tag für die ganze Familie, Hebräisch- und Jiddisch-Unterricht, eine Besichtigung der Synagoge, der Jüdischen Friedhöfe und der Dresdner Stolpersteine. 2021 wird auch das Jahr sein, in dem wir unser neues didaktisches Programm „Spielen gegen Antisemitismus“ (wegen Covid-19 verzögert) erstmals vollständig präsentieren können.

Die Jüdische Woche Dresden wird sich weiter mit lokalen Institutionen wie dem Societaetstheater, dem Europäischen Zentrum der Künste – HELLERAU, dem Teplitzer Festival „Dny židovské kultury-Teplický cimes“, dem Christopher Street Day e.V., dem Gerede e.V. (Homosexueller/transidenter/bisexueller Verein), dem Curly Culture e.V., der Banda Internationale, der Konzertreihe Offenes Palais – Musik und Kunst im Großen Garten, Musaik – Grenzenlos musizieren e.V., dem Dresdner Kreuzgymnasium sowie dem Österreichischen Gymnasium in Prag vernetzen. Denn jüdische Kunst und Kultur ist kein singuläres Phänomen – weder vor 1700 Jahren noch heute. Sondern sie ist gewachsene Lebensart in Dresden, Deutschland und überall auf der Welt.

Herzlich willkommen zur 25. Jüdischen Woche Dresden!

Avery Gosfield und das ganze Festivalteam